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Filmkritik 'Shutter Island' -> VORSICHT, SPOILER!!

Inseln werden in der literarischen Tradition häufig in Zusammenhang mit Utopien oder Dystopien gedacht. Historisch dienten sie lange als Orte für Straflager und Gefangenenkolonien. Die viel beschworene „westliche Zivilisation“ verfügt diesbezüglich in Alcatraz über ein – auch in seiner medialen Wirkungskraft – hervorstechendes Zeichen der Moderne. In der kulturellen Imagination beherbergen derlei Inseln häufig exzentrische Genies, deren Experimente Menschenleben fordern.

Bestsellerautor Dennis Lehane hat für seinen herausragenden Roman eine fiktive Insel als Schauplatz geschaffen, die nach dem Zweiten Weltkrieg an der amerikanischen Ostküste ein Sanatorium beherbergte: Shutter Island. Eine Utopie im ursprünglichen Sinne: ein unmöglicher Ort. Inwiefern sich hinter dem Sanatorium eine gesellschaftliche Utopie oder eine Anti-Utopie verbirgt, ob es als Gefängnis oder wissenschaftlichen Experimenten dient, erkundet der Leser mit Teddys Hilfe.

Shutter Island

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Wie in früheren Romanen Lehanes, die von Clint Eastwood (Mystic River, 2003) und Ben Affleck (Gone Baby Gone, 2007) verfilmt wurden, geht die Geschichte einer Detektion einher mit der Erfahrung von Traumata. Schuld und Verlust sind Lehanes zentrale Themen, denen Scorsese in seiner Adaption gerecht wird. Darüber hinaus bemüht er sich, das daraus resultierende dichte motivische Netz aufzubrechen und anzureichern. Der New Yorker gibt dem Zeitkontext in Shutter Island eine wesentlich weitreichendere Bedeutung. Paranoia, McCarthyismus, Kalter Krieg, die atomare Bedrohung. Der ursprünglich recht zeitlose melancholische Stoff birst bei ihm nur so vor Zeitkolorit. Was durchaus technisch verstanden werden darf. Die entsprechenden – perfekt agierenden – Departments dürfen sich austoben. Der Beteiligten Detailliebe hinsichtlich Kostüm, Dekor, Setdesign und Ausleuchtung ist atemberaubend. Scorsese setzt in seinem Film ganz auf Atmosphäre und erbringt diesbezüglich einen weiteren Beweis seiner Meisterschaft. In Anspielung auf eine geschätzte Hundertschaft filmischer Vorbilder vergangener Zeiten zeigt sich Scorsese bewusst altmodisch, wenn es um dramatische Zuspitzung geht. Die verläuft nie über Actionchoreographie oder Schnitt-Stakkati, und selbst Momente von Thrill oder Suspense spielt er nicht aus.

Als wichtigste Instrumente der audiovisuellen Gesamtkomposition dienen in Shutter Island neben dem Noir-Licht vor allem Score und Bildgestaltung. Robert Richardson setzt seine Kamera virtuos in Bewegung. Immer wieder fährt und schwenkt sie, erzeugt einen Sog, der Teddy und Chuck genauso auf die Insel lockt, wie er das Publikum in den Film hineinzieht. Schon ganz zu Beginn stürzt die Kamera aus der Höhe auf einen Wagen zu und hinterher. Man fühlt sich an Shining (1980) erinnert – nicht zum letzten Mal. 

Shutter Island

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Doch im Gegensatz zu Kubrick, dem er selten näher war als in den stärksten Momenten seines neuen Films, ist Scorsese kein Technikexperte. Schon Bringing Out the Dead (1999) war durch diverse technische Ausreizungen, unter anderem in Bezug auf Zeitraffer, zu einer Stilübung verkommen. Nachdem in seinen Folgespielfilmen Gangs of New York (2002) und Aviator (2004) der Einsatz von Spezialeffekten eine immer größere Dimension angenommen hatte, gelang ihm gerade erst in The Departed – Unter Feinden (2006) wieder eine Konzentration auf die Figuren. Von denen will Scorsese auch in Shutter Island erzählen, sie rücken nicht wie bei einem Avatar völlig zugunsten einer Dimensionenschau in den Hintergrund. Deshalb reißen die zum Teil misslungenen computergenerierten Effekte und die vielen offensichtlich vor dem Blue Screen entstandenen Szenen den Zuschauer in Shutter Island immer wieder aus dem Sog und aus der Empathie heraus. Sie unterminieren ein ums andere Mal, was Scorsese und sein Team in Pedanterie atmosphärisch geschaffen haben, und brechen den in der Inszenierung heraufbeschworenen Bezug zum klassischen amerikanischen Kino.

Shutter Island

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Dabei fasziniert gerade in den wundervoll fotografierten Traum- und Labyrinthwelten, zu welchem Schauspieler Scorsese seinen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio geformt hat. Während die Besetzung in Gangs of New York noch nicht aufging, konnte der frühere Teenieschwarm bereits in Aviator und vor allem The Departed sein entwickeltes Repertoire unter Beweis stellen. Kaum ein Darsteller unserer Zeit vermag es derart intensiv, einen Mann im Grenzbereich zu verkörpern. Shutter Island ist ein weiterer Beweis.

Dem Zuschauer gibt die Romanverfilmung nicht nur auf der Plotebene arithmetische Rätsel auf.  Je nach Gewichtung von Pluspunkten und Abzügen wird man Shutter Island endgültig bewerten. Ein wichtiger Film dieses Jahres und ein Prunkstück auf der Berlinale ist er bereits. Misst man den Perfektionisten Scorsese jedoch an seinen Meilensteinen, lässt sich Ähnliches wie bereits bei The Departed beobachten und konstatieren. Auch dort fügte der Amerikaner dem asiatischen Original Infernal Affairs (Wu jian dao, 2000) einiges hinzu. Mit dem Resultat, einen guten Film vorzulegen, der allerdings nicht an das Ausgangsmaterial heranreicht. Ähnlich geht es ihm nun mit der äußerst konzentrierten Lehane-Vorlage. Ihr entlehnt er die dreiviertelseitige Episode über ein Massaker während der Befreiung Dachaus, das eigentlich Auschwitz ist, um sie in Teddys Alptraumrepetitorium einzuflechten. Das sprengt den überladenen Rahmen endgültig.

Filmkritik von Sascha Keilholz

14.3.11 10:41
 


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